Regionalverband
Magdeburg-Jerichower Land e.V.


 

Gerwisch | Am 14. Mai, als die Rote Armee gegen die polnischen Invasionstruppen in die Offensive ging, da gebar eine Frau in Fürstenberg/Oder ein Mädchen auf einem Lastkahn. Die glücklichen Eltern, Schiffer. Das Kind, ein Schiffermädchen. 102 Jahre später sitzt dieses Mädchen in ihrem Zimmer zwischen Blumen und alten Notizen. Der Landrat Dr. Steffen Burchhardt, der Biederitzer Gemeindebürgermeister Kay Gericke und der stellvertretende Ortsbürgermeister Christian Bruchmüller hatten sich gerade verabschiedet. Sie waren gekommen, um Irmgard Zinke zu ihrem Geburtstag zu gratulieren. 

Mit ihren 102 Jahren hat sie erlebt, was wir heute nur noch aus Geschichtsbüchern kennen und doch ist ihr die Geschichte des großen Ganzen auf der Welt nicht so wichtig. Sie erinnert sich lieber an die kleinen Dinge. Daran, wie sie mit ihren Eltern auf einem Kahn zwischen Dresden und Hamburg über die Elbe, zwischen Kozle (dt. Cosel) und Stettin über die Oder fuhr. Auch daran, dass sie als Schiffermädchen jede Schule besuchte, die an den jeweiligen Halten auf den Strecken lag. „Insgesamt 30 Schulen habe ich besucht. Es gab ein kleines Heft, in dem mussten die Schulleiter immer einen Stempel der Schule und die Tage eintragen, an denen ich die Schule besuchte“, erinnert sich Irmgard Zinke. Dass sie die Grundschulzeit in einem Schiffer-Kinderheim in Fürstenberg (Oder) verbrachte, daran erinnert sie sich später, als sie davon schwärmt, wie schön die zwei Jahre in Burg waren. Als sie während der Weltwirtschaftskrise bei ihren Verwandten unterkam und die Pestalozzi-Schule besuchte. Es waren nicht die einzigen Hungerjahre ihres Lebens.

Zunächst kam die Zeit der Nationalsozialisten. Nach der Beendigung der Schule fand sie eine Anstellung in der Burger Mittelstraße. Vier Jahre lang war sie dort als Hausmädchen tätigt, bis sie 1940 ihren Mann kennenlernte. „Er war ein echter Burger, Soldat und Turner“, schwärmt Irmgard Zinke noch heute von ihrem einzigen Mann, der sie viel zu früh allein zurückließ. Und das, obwohl er den Krieg überlebte, mit einem Armdurchschuss dem Kessel von Stalingrad entkam und als Brunnenbaumeister und Installateur nach dem Krieg dafür sorgte, dass die zweiten Hungerjahre für Irmgard Zinke, die nach dem Krieg auch ohne Garten überstanden wurden. Dass die Sowjetunion ihrem Vater den Lastkahn, der ja 30.000 Mark wert war, einfach wegnahmen und nach Russland deportierten, das schmerzt sie noch heute.

Dafür erinnert sie sich freudig an die Geburt ihres einzigen Kindes. Schon 1943 komplettierte der Sohn die Familie. Das will sie noch erwähnt wissen, auch wenn zu ihrem Sohn heute kein Kontakt mehr besteht. Dafür erinnert sie sich gern daran, wie sie mit ihrem Mann in den Anfangsjahren nach 1950 eine Installationsfirma aufbauten. Wie sie 15 Jahre in der Bruchstraße 6 als Familie eine Wohnung unterhielten. Wie sie die Lehrlinge zur Arbeit anhielt und daran, wie ihr Mann 1967 am Tage des Zugunglückes von Langenweddingen, im Krankenhaus an Magenkrebs verstarb. Mit ihrem Mann verbindet die 102-jährige auch einen Ausflug zum Zelten am Schloss Klink /Müritz, bei dem der gesamte Camping-Platz plötzlich von Soldaten bewacht wurde. Es war der 13. August 1961. Der Tag des Mauerbaus. Mit dem Verlust ihres Mannes blieb Irmgard Zinke Witwe. Sie heiratete nicht erneut. Wusste sich seitdem im Leben allein zurechtzufinden. Arbeitet zunächst als Verkäuferin im Lostauer Konsum, kehrte dann zur einstigen Firma zurück. Irgendwann kaufte sie sich in der Detershagener Waldschule ein Haus.

„2400 Quadratmeter hat das Grundstück und 20 Robinien stehen darauf“, erzählt sie stolz und voller Freude. Ihr zur Seite stand in all den Jahren immer ein Hund. „Für Hunde habe ich was übrig“, erzähl sie. Ihr letzter Hund, ein Jack Russel, half ihr, agil zu bleiben. Täglich gingen sie hinaus, spazieren. 17 Jahre war er Freund und Begleiter. Aber auch für ihn war irgendwann die Zeit gekommen. Seit einem Monat lebt die 102-Jährige nun im DRK-Seniorenwohnpark „Zur alten Eiche“ in Gerwisch. „Es ist gewöhnungsbedürftig. Die Eiche vor der Tür und meinem Fenster ist schön. Sie erinnert mich an meine Robinien“, erklärt sie. Die Bäume fehlen ihr. Und dann erzählt sie, wie gut sie sich schon eingelebt hat, in ihrem neuen Zuhause. Davon, dass sie sich am Sport und anderen Gemeinschaftsaktivitäten im Wohnpark beteiligt.

 

    

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