Regionalverband
Magdeburg-Jerichower Land e.V.


 

Magdeburg | Wissen Sie, was am 29. September 1929 in Bad Schönfließ, heute Trzcińsko-Zdrój passiert ist? Nicht? Macht nichts. Die Antwort darauf erzählt Helga Bauer selbst. Sie ist nämlich an diesem Tag in eben jenem Ort geborgen worden und feierte nun ihren 100. Geburtstag. Passiert ist außer der Geburt der heute 100-Jährigen nichts in dem Ort. Aber das macht nichts, denn Helga Bauer hat auch so viel zu erzählen. Nicht einfach so bei Kaffee und Kuchen. Nein, zu einem 100. Geburtstag gehört neben Geschichten und Anekdoten auch ein Überraschungsgast. Der kam zwar nicht mit dem Rennrad, obwohl es der Jungspund mit seinen 90 Jahren durchaus noch draufgehabt hätte. Nein, Gustav Adolf „Täve“ Schur kam ganz klassisch mit Blumenstrauß und den besten Wünschen. Wie ein Rennradfahrer aus Heyrothsberge mit einer Frau aus Bad Schonfließ zusammenkommt. Lustige Geschichte, die das Geburtstagskind gern selbst erzählte. Es war im vergangenen Jahr zu ihrem 99. Geburtstag. Da lernten sich beide zufällig kennen und Täve versprach: „Zu deinem 100. komm ich vorbei.“ Sein Versprechen hat er gehalten und so setzte er sich mit an die Kaffeetafel im DRK-Seniorenwohnpark Magdeburg, in dem Helga Braun seit 2019 wohnt, und hörte zu, was in 100 Jahren in einem Menschenleben so passieren kann. Aufgewachsen ist Helga Bauer nach eigenen Erzählungen in behütetem Elternhaus. Vater Viehhändler, Mutter Filialleiterin einer Bäckerei. Mit ihr wohnte ihr Bruder, der nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte. Auf seine Rückkehr wartet sie noch heute und so ist auch für ihn an ihrem 100. Geburtstag ein Platz gedeckt und frei. Im 3. Reich aufgewachsen galt für die damals junge Frau, sich den gesellschaftlichen Konventionen unterzuordnen. Das 1938 eingeführte Pflichtjahr für junge Frauen unter 25 Jahren leistete die damals 17-Jährige in Berlin bei einer Bäckerei ab, dann kam der Krieg. Für Helga Bauer bedeutet dies ein Wechsel aus der Bäckerei in einen Gefechtsstand eines Flugabwehrgeschützes und dann in die Telefonvermittlung der Luftwaffe. Schließlich zog sie der Krieg bis nach Finnland mit, wo sie bis zum Ende des Krieges weiter als Telefonistin tätig blieb. Ihr Rückweg aus Finnland nach Deutschland gelang ihr erst 1946. Über Dänemark kam sie nach Hamburg und reiste sogleich weiter nach Berlin. Dort wollte sie bei Verwandten unterkommen, die aus dem Osten geflüchtet waren. Eine Bleibe fand sie wegen der geltenden Verordnungen dort nicht. Ihr Weg führte sie deshalb nach Wittenberge. Hier blieb sie viele Jahre, arbeitet zunächst als Sekretärin bei der Polizei und später bis zu ihrer Verrentung in der Lohnbuchhaltung der Singer-Nähmaschinenwerke. Familiär hatte die heute 100-jährige Glück mit der Geburt ihrer Tochter Hannelore, der passende Mann blieb ihr trotz Heirat aber verwehrt, denn die Wege der beiden trennten sich bald. So zog sie ihre Tochter allein auf und erfreut sich heute an zwei Enkeln, drei Urenkeln und zwei Ururenkeln. Mit 84 Jahren dann entschied sie aus ihrer neuen Heimat Wittenberge in eine eigene Wohnung nach Magdeburg zu ziehen, um ihrer Familie näher zu sein. Auf die Frage, was ihr denn im Leben Spaß gemacht hätte, antwortet sie: „Schwimmen und Skifahren.“ Heute hält sie sich mit Handarbeit geistig fit, verrät Helga Bauer zum Schluss.

Gustav Adolf „Täve“ Schur (links) gratulierte Helga Braun (rechts) persönlich zu ihrem 100. Geburtstag.

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